Die Welt ist nach wie vor weit wunderbarer und komplexer als wir uns das in unserer Naivität meist vorstellen. Die Rätsel sind längst nicht gelöst und eigentlich wird alles nur immer noch rätselhafter. Von abschließender Klarheit keine Spur.
Gerd Kempermann,  Stammzellforscher: Neue Zellen braucht der Mensch

Wie wichtig ist Hirnforschung für das Lernen?

Die umfangreiche Neurobiologische Forschung hat viele Erkenntnisse über das menschliche Gehirn geliefert, die fortlaufend verändert, ergänzt, erneuert werden. Umfangreiches Wissen, vor allem aus der Pädagogik konnte naturwissenschaftlich bestätigt werden. Abstruse, verabscheuungswürdige Lernmodelle mit Angst und Gewalt (Unterricht nach militärischem Vorbild) wurden widerlegt. Für die Umsetzung im Lernalltag ist es sinnvoll, die Forschungsergebnisse auf ein begreifbares, handhabbares Niveau zu bringen. Dies ist umso wichtiger, als der seit 2 Jahrzehnten anhaltende Lernforschungshype ständig neue Blüten treibt, die wissenschaftlich und medizinisch ungemein wichtig sind , für viele von uns hochinteressant, aber für den Lernalltag unerheblich.

Beispiele:

  • Um die Anzahl der Gehirnzellen, speziell der Nervenzellen = Neuronen wird heiß gestritten. Für die professionelle Begleitung von Lernprozessen hat diese Zahl, ob sie nun 100 oder 86 Milliarden beträgt genauso wenig Bedeutung wie die Frage, ob wir mit der maximalen Anzahl davon zur Welt kommen oder diese erst nach einigen Lebenswochen erreicht wird. Gesichert ist, dass wir täglich tausende solcher Zellen abbauen und dennoch nach 100 Jahren nur 2-4% abgebaut haben. Außerdem gibt es mindestens genauso viele Gliazellen im Gehirn, deren Bedeutung für Gehirntätigkeit und Lernvorgänge noch ungeklärt ist.
  • Die Stammzellenforschung hat nachgewiesen, dass entgegen lange gültiger Annahmen auch im Gehirn Neurogenese, also Generierung von Nervenzellen stattfindet. Diese ist jedoch sehr sehr gering gegenüber der alltäglichen Verlustrate. Welche Bedeutung diese Stammzellen haben wird noch erforscht. Man hofft auf Erkenntnisse zu Demenz und Depression.
  • In pädagogischen Fachbüchern fand sich noch vor 10 Jahren die Verortung des limbischen Systems im Kleinhirn. Mittlerweile wissen wir, dass von dort aus unsere Bewegungen und der Gleichgewichtssinn koordiniert werden. Das limbische System wird aus Strukturen des Großhirns, wie Hippocampus, Mandelkern und  Balken (pons), des Zwischenhirns und des Hirnstamms gebildet. Es lässt sich schwer einzelnen  Gehirnarealen zuordnen, sondern kann besser durch seine Wirkungsbereiche: Emotion, Gedächtnis, Triebsteuerung, Aggression, Sozialverhalten beschrieben werden. Hippocampus und Mandelkerne (Amygdala) nehmen eine wesentliche  Rolle bei der Informationsaufnahme und –weiterleitung ein. Dieses System hat sicher grundlegenden und umfassenden Einfluss aufs Lernen.

Für professionelle Lernbegleitung ist es wichtig, aus den vielfachen Erkenntnissen der Lern- und Gehirnforschung praktische Folgerungen zu ziehen, diese mit pädagogischem Sachverstand diversiv zu reflektieren, dabei die Lernpsychologie einzubinden und somit alltagstaugliche Schlussfolgerungen zu erhalten. Als Teil eines extrem dynamischen Erkenntnisprozesses sollten wir dabei zu gleichen Teilen offen für Veränderungen sein und mutig am Gesicherten und Bewährten festhalten.

Weiteres hierzu in unregelmäßiger Folge an dieser Stelle.

Siehe dazu:
Bear M.F., Conners B.W., Paradiso M.A., Engel A.K. (Hrsg.): Neurowissenschaften, Ein grundlegendes Lehrbuch für Biologie, Medizin und Psychologie,  Springer Verlag, 2009
Caspary, R. (Hrsg.): Lernen und Gehirn,  Verlag Herder, 2010
Gasser, P. :.Gehirngerecht lernen, hep Verlag, Bern, 2010
Kempermann, G.: Neue Zellen braucht der Mensch, Piper Verlag GmbH, München 2008
Spitzer, M. Konsolidierug und Rekonsolidierung  Nervenheilkunde 22(1): 54-56, 2003
Spitzer, M, Neugier und Lernen, Geist&Gehirn, Nervenheilkunde 9/2009